Blue Marlin Grander vor Mauritius

»1000 + 1 Pound«

Nur zu gerne wandere ich in Gedanken zurück in die glücklichen und wundersamen Tage Ende April 2003; schließlich waren sie auch mit die schönsten und erfolgreichsten in meinem viertel Jahrhundert Meeresangeln vor Mauritius ! Heute nun, im Rückblick und mit dem nötigen Abstand auf den Fisch meines Lebens, hier meine abschließende Bewertung – Stopp !

Lieber Leser, besser Du gibst Dir selbst die Antwort auf die Frage: Alles nur Zufall oder dem Glück auf die Sprünge geholfen ? Lassen wir die Geschehnisse vor und am 26. April nochmals Revue passieren: Nach unserem erfolgreichen Mauritius-Angeltrip 2002 fielen mir zufällig eine große Menge Fangdaten in die Hände: über drei Jahrzehnte Marlinangeln vor Mauritius, ordentlich dokumentiert und auch glaubwürdig ! Als leidenschaftlicher Hobbymathematiker stürzte ich mich sofort darauf, rechnete vorwärts, rückwärts, quer, hoch: Boote, Köder, Mondviertel, Monat, Jahr, Gewichte und ihre Verteilungen... – die letzten Geheimnisse der Fangdaten mussten ans Tageslicht kommen. Nach viel Arbeit, langem Grübeln und Spekulation meine damalige Einschätzung: Vorausgesetzt, viele große Gestreifte Thunfische und bestenfalls auch noch Gelbflossen Thunfische sind vor Mauritius, sollte es um Neumond entweder im November oder im April möglich sein. Im November 2002 war es dann soweit, meine erste Chance: mit einem Münchner Angelspezl ging es eine gute Woche auf die Insel; wie immer charterten wir die KESTREL – diesmal acht Tage durchgehend. Das bedeutet auf Mauritius um 5:30 aufstehen um 6:30 auf See, die Gestreiften Thunfische suchen und die Marlinlures müssen dabei immer optimal laufen - egal ob Regen, Wind oder Wellen. Man sitzt demütig und geduldig täglich seine 9 Stunden ab und hofft auf den Big Bang. Leider war das Wasser damals zu kalt; keine größeren Marline oder Gelbflossen Thunfische wurden in dieser Zeit weit und breit gefangen. Trotzdem war dieser Kurztrip nicht ganz umsonst – wir fingen eine Unmenge große Goldmakrelen und Wahoos !

Gegen Jahresende verkündeten uns Martina und Stephan Kreupl, dass sie sich auf Mauritius das Jawort geben wollten und eine schöne Hochzeitfeier + große Marline passen sehr gut zueinander. Da Stephan in meine „geniale Fangstrategie“ eingeweiht war, legte er den Hochzeitstermin in den April. Ich bildete die Vorhut und reiste bereits Ende März an; selbstverständlich war ich auch auf See der Scout – fing sehr gut: drei große Gelbflossen Thunfische und auch ausreichend Gestreifte Thunfische ! Mitte April starteten Christa, Stephan und ich dann gemeinsam richtig durch: zwei weitere große Gelbflossen Thunfische und Goldmakrelen, aber leider nur kleinere Marline weit und breit – wir fingen zwei um 200+ und selbstverständlich ließen wir sie sofort nach dem Markieren wieder frei!

Dann die Hochzeit: Am Vormittag die Mauritius-Zeremonie, dann am Nachmittag mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft auf einem Großkatamaran raus aufs Meer und zum Abschluss in einer sternenklaren Nacht ein Candle-Light-Dinner am Strand; vor uns die Marlin-Jagdgründe, hinter uns steil aufragend der Le Morne Brabant - feierlich und würdig; die Ehe wird wohl bis in die Ewigkeit halten!

Stephan hat nur noch zwei Ausfahrten vor sich; er und Martina müssen auch noch zu Hause den Bund der Ehe vor allen Freunden und den Familien ein zweites Mal feiern. Gleich in der Früh des ersten Tages überschlagen sich die Ereignisse, für Mauritius ungewöhnlich ein Doppeltstrike: keine kleinen Marline waren das - die Crew schätzt 500+ ! Der letzte Tag, am Nachmittag ein großer Schatten hinter einem kurzlaufenden Lure, heftiger Strike, Sprung und weg ist er - die Jungs schätzen 800+ - sie sind da !! Stephan will nicht nach Hause, als alter Marlin-Jäger spürt und riecht er die große Chance – es hilft nichts, er muss ! Christa und ich sind nun die einzigen hier verbliebenen deutschen Angler in Reviere Noir. Nun kommt auch noch der große Regen; der tropische Himmel öffnet seine Schleusen, dazu noch Starkwind - das Angeln ist unmöglich. Nach zwei Tagen beruhigt sich das Wetter etwas und wir sind sofort draußen. Hohe Dünnung, die Insel ist von See kaum noch zu erkennen, dunkle Wolken, einzelne Blitze aber kein Wind und dazu ist es extrem schwül. Gleich in der Früh fangen wir zwei Gestreifte Thunfische, danach nichts mehr; auch der Funk schweigt. Zwei einzelne Seevögel vor uns, da müssen wir hinterher. Der Strike kommt gegen 13:30 von einem Moment auf den anderen.

Keiner von uns sah den Fisch kommen. Der Fisch nimmt beim ersten Run ca. 600 Meter Leine, verhält sich die folgende Viertelstunde aber für einen Mauritiusmarlin unspektakulär, gibt aber dann richtig "Vollgas" und springt dabei mehrmals ganz aus dem Wasser. Zu Beginn des Drills war die Crew gut gelaunt und sie freuten sich auf den großen Marlin; ihre erste Gewichtsschätzung auf solch große Entfernung: „Marlin sept cent livres“ nach 2 Stunden sind die Jungs ruhiger geworden. Auf meine Frage „poids ?“ kommt nur noch „record du bateau (870 LB.) plus“. Was ist los, der Steuerbord-Motor setzt aus; wir sind manövervierunfähig. Jetzt wird es richtig stressig, der Marlin schwimmt an Backbord vorbei; der Kampfstuhl lässt sich nicht weiter nach hinten drehen – die Leine schleift am Spitzenroller und zusätzlich auch noch am Outrigger - Christa muss mich beruhigen... . Die TORA TORA 1 kommt zu Hilfe, einer der Jungs ist Bootsmechaniker. Ein solches Manöver bei schwerer See und einen großen Marlin im Drill – ich schließe die Augen. Die Jungs entlüften die Dieselleitung – wir treiben in schillerndem Dieselöl – der Marlin hängt noch ! Endlich, der Steuerbordmotor springt wieder an und wir sind wieder kampfbereit ! Jetzt müssen wir brutaler drillen und fahren nach, was das Zeug hält; der Marlin kommt näher. Richtig kritisch wird es jetzt in Bootsnähe; mindestens zwanzigmal nimmt er mir die im Schweiße meines Angesichts zurückgewonnene Leine wieder ab; jetzt nach insgesamt drei Stunden sind leider nur bei mir größere Ermüdungserscheinungen zu erkennen.

Kurz nach 17 Uhr beschließen wir, den Marlin, wenn es sein muss, auch „green“ zu bändigen – es muss sein, der bevorstehende Sonnenuntergang und die grobe See lassen uns keine andere Wahl. Ich drille, bis es mir schwarz vor Augen wird; die Jungs riskieren alles – endlich, nach einer halben Stunde gaffen Jean und Conrad den Marlin an Steuerbord, um ihn dann nach kritischen und gefährlichen Augenblicken an Backbord in die ewigen Fischgründe zu befördern. Zum Reinziehen reichen vier Mann und eine Frau nicht aus; wir setzen einen Flaschenzug ein. Die Schwanzflosse muss dann doch draußen bleiben - passt nicht durch die Klappe!

Der Marlin hängt im Maul an beiden Haken bombenfest. Jetzt ist es stockdunkel, die See stürmisch, zusätzlich regnet es in Strömen und die Sicht liegt unter zwanzig Meter. Nur die TORA TORA 1 sehen wir unmittelbar vor uns. Wir sind am Riff. Die Jungs werden nervös. Endlich erkennen wir die Hafenlichter und sehen einen blinkenden Suchscheinwerfer. Unsere Arbeit ist vollbracht: Marlin an Bord und Boot, Crew und Angler noch heil!

Gewogen wurde der Fisch dann an der offiziellen IGFA-Wiegestelle, "Le Morne Fishingclub", mit einer geeichten Digitalwaage; das Marlinweibchen hat nichts im Magen und voll abgelaicht. Die Waage bleibt bei 1001 LB. stehen. Nach 4-stündigem Drill, auf Biegen und Brechen an 80er Leine, fing ich den Fisch meines Lebens. Der Bootseigner Anneerow Ram, seine Skipper Conrad und John und natürlich auch ich waren nach diesem Tag überglücklich. Laut Aussage des Clubs bzw. der Offiziellen, der erste Mauritius-Grander mit 80er Leine gefangen!

Prolog: Christa musste am nächsten Tag früh morgens zurück nach München. Gegen 23 Uhr war sie zu Hause und rief sofort Stephan in Frankfurt an. Er war noch wach und wusste im gleichen Augenblick, wer dran war und dass ich einen Grander gefangen hatte ! Ein Jahr später 2004 war Stephan wieder mit der KESTREL auf der Jagd und fing am 28. März in der gleichen Ecke einen 760 Blue Marlin!

Für die Mauritianer verhält sich das Ganze im Nachhinein so: Wer wie wir, dem Gott der Meere die kleinen Marline wieder zurückgibt und dabei auch immer brav und großzügig dafür seine Crew entschädigt, wird letztendlich immer belohnt. Das Wichtigste nochmals auf einen Blick, wann und wo: 26. April 2003, ca. 10 Seemeilen südwestlich vom "Le Morne Brabant" 20°30´S 57°13´E, Kurs 217° SW.

Boot u.Crew: KESTREL IV, Skipper Conrad u. Wireman Jean. Rute u.Rolle: PENN TROLLING 80, PENN INTERNATIONAL II 80 STW. Leine, Vorfach u.Wirbel: 80 LB. MAXIMA grün, SUFFIX Mono 2 mm / 500 LB. u. SAMPO # 6. Köder u.Haken: ILANDER EXPRESS montiert mit 2 Haken MUSTAD 7732 11/0 + 12/0.

So jetzt bin ich am Ende; ja so war das damals, in den wundersamen, unvergessenen und glücklichen Tagen Ende April 2003!

Robert Rein, im Januar 2007