Karibische Träume

»Trolling auf Marlin mit Kunstködern«

Wie lange hatten wir uns das vorgenommen – einen Blue Marlin in der Karibik. Immer kam etwas dazwischen. Einmal passten die Urlaubszeiten nicht zusammen, das andere Mal waren die Flüge ausgebucht. Für Ostern war nun endlich alles klar, nonstop ging es nach Tobago.

Die Insel empfing uns Wintergeplagte paradiesisch

Eine wunderbare Landschaft, super Strände, malerische Buchten und kristallklares Wasser. Die Außentemperatur um 35°C, das Wasser um 25°C, die ideale Urlaubsinsel für Sonnenhungrige und Wassersportler. Bereits zu Hause war uns klar, dass die Bootspreise hier dem US-Niveau angepasst sind. Aber vor Ort legten die Jungs noch ein Pfund drauf – Marlin Hochsaison. 500 bis 800 US$ pro Ausfahrt war uns dann doch zu viel. Wir mussten uns also etwas einfallen lassen. Ein Deutscher, der die meiste Zeit auf Tobago lebt, ist Besitzer einer Piroge.

Unsere Piroge, die „Hey Jude“, kurz vor dem Auslaufen.

Die „Hey Jude“ ist 8,5 m lang, mit einem Sonnendach, zwei Außenbordern mit je 125 PS, zwei ordentlichen Auslegern und Downrigger ausgestattet. Mit unserer Erfahrung und Ausrüstung müsste es wohl machbar sein. Die Seekarte studiert, GPS programmiert und das Abenteuer konnte beginnen.

Die ersten Tage mussten wir wegen hoher See und starken Windes in Küstennähe bleiben. Trotzdem, mit toten fliegenden Fischen und Baloas fingen wir sechs gute Goldmakrelen bis 41 lb und zwei Kingfische bis 28 lb – mit 30 lb Leine ein ordentlicher Anfang. Endlich, der Wind lässt nach und wir können unser gesetztes Ziel ins Auge fassen. Mit einem großen Hawaiikunstköder auf der 80er, kleinen und großen Ilandern auf den 50er und 30er Ruten geht es raus ins tiefe Wasser. Endlich, am Vormittag – der erste Marlin auf der 80er – kurz gehakt, einige Sprünge und aus der Traum.

Für das bevorstehende Tournament ist das Revier abgesteckt und die „Wahl der Waffen“ klar. Bei der Einschreibung zum International Big Game Fishing Tournament ist unser Boot das kleinste. Ein sonderbares Gefühl, wenn man mit Hochseeyachten von 42´ bis 60´ Länge in einer Reihe steht. Es sind noch 28 weitere Teams aus der Karibik und den USA am Start.

Die großen Boote schleppen mit bis zu 10 Ruten und zwei Teasern, wir mit vier plus einer Rute über den Downrigger. Auch fährt bei den großen Booten jeweils eine Proficrew mit. Unser Team IGFA Germany: Christa Rein, Albrecht Maier und ich.

1. Tag: Um 05.00 Uhr nehmen wir Kurs 15° Nord-Ost. Unser Ziel liegt 15 sm entfernt. Köder raus, Geschwindigkeit 8 bis 10 Knoten, und Glaube, Liebe, Hoffnung ist unser Wahlspruch für die nächsten drei Angeltage. 09.00 Uhr Strike über den Ausleger – Ladies first, Christa fängt einen ordentlichen Wahoo mit knapp 40 lb. Schneider werden wir nun nicht mehr! Über Funk bis zum Mittag: „...no marlin strikes, 3 sails, 3 wahoos, 6 mahi-mahis...“. Am Nachmittag schlagen dann doch noch ein US und ein Trinidad Boot zu: „... 2 marlins tagged and released, 1 marlin died...“.

2. Tag: Wir gehen volles Risiko und schleppen den ganzen Tag mit großen Lures. Gegen Mittag ein Doppelstrike. Leider sind die Lures zu groß und die beiden Sails verabschieden sich nach einigen akrobatischen Sprüngen.

3. Tag: Gestern fuhren wir noch die Insel ab und speicherten weithin sichtbare Landmarken auf dem GPS ab. Heute können wir deshalb exakte Peilung vornehmen, unser Fanggebiet besser finden und somit eine größere Fläche systematisch befischen. Wir fahren über die 20-sm-Zone hinaus in die große Meeresströmung. Ein komisches Gefühl in einem kleinen Boot. Bis zum Mittag läuft überhaupt nichts – kein Fischkontakt. Die Brise lässt nach, die See wird ruhiger. Über Funk dann die Meldung: „...3 Boats are fighting, marlins are hooked...“. Wir halten Kurs auf einen Vogelschwarm. Goldmakrelen und ein großer Thunschwarm rauben, das Wasser „kocht“ und die Spannung steigt. In einem weiten Bogen geht es um das Treiben.

Plötzlich pfeift die 30er los

Nur ein kleiner Thun an einem viel zu großen Köder. Auf ein Neues, der Schwarm raubt immer noch. Nach der fünften Runde reißt plötzlich die 80er heftig aus dem Ausleger, die Rolle pfeift kurz los, verdammt ... weg. Keine fünf Sekunden später pfeift die 50er mit rasanter Geschwindigkeit los. Der Fisch zieht bei seiner ersten Flucht ca. 400 m von der Rolle und geht sofort auf Tauchstation. Den Strike hat niemand beobachtet. Christa übernimmt, sie hat als einzige noch eine Chance in der Einzelwertung. Die 6/0 Rolle ist fast leer. Wir müssen rückwärts fahren. Kein leichtes Unterfangen mit einem Außenborder bei solchen Wellen. Christa wird klatschnass. Hoffentlich gibt die Lenzpumpe nicht ihren Geist auf. Endlich, nach mehren Fluchten stehen wir 200 m vom Fisch entfernt, das Schlimmste scheint überstanden. Christa drillt was das Zeug hält, doch der Fisch lässt sich nicht sonderlich beeindrucken – vielleicht ein großer Gelbflossenthun? Jetzt wollen wir ihn sehen und öffnen unsere Trickkiste. Das Boot muss so fahren, dass der Leinenzug immer seitlich im rechten Winkel zum Fisch wirkt.

Der Fisch zeigt Wirkung

Die Leine steigt und steigt... endlich durchstößt ein wunderbar leuchtender silberblauer Fisch die Wasseroberfläche. Seine blauen Streifen leuchten in der Sonne. Bilder die sich für immer ins Gedächtnis einprägen. Ein Blue Marlin, da kommt Freude auf. Jetzt geht alles sehr schnell. Der Marlin taucht wieder ab. Christa muss an ihre körperliche Grenze gehen und sehr hart drillen.

Sie schafft es, nach einer Stunde bekomme ich das Vorfach zu fassen. Christa will den Marlin freilassen. Leider hat er den Ilander voll genommen und die beiden Haken lassen sich nur mit großer Mühe entfernen. Das Ganze ist zuviel für den Fisch, er stirbt, schade.
Also, rein ins Boot und zur Wiegestelle. Die Zuschauer staunen nicht schlecht, auf der „Hey Jude“ ragen ein Schwert und ein Schwanz über die Bordwand.

Die Waage bleibt bei 249 lb stehen

Es ist das erste Mal in der Tobago-Tournament Geschichte, dass eine Piroge einen Marlin rein bringt. Am 50er Gerät und dazu noch von einer Frau gefangen, irritiert die Tobago-Machos total. Den Bericht über die Riesenfreude und die Zahl der kühlen Caribs erspare ich mir. Bei der Siegerehrung gibt es eine weitere Überraschung. Christa hat mit ihrem Wahoo vom ersten Tag die „Wahoo-Wertung“ gewonnen. Dafür gibt es 2000$, den Ladies-Cup und schöne Sachpreise. Am Anfang unserer „Karriere“ mussten wir aus Geldmangel auf kleinen, billigen Booten unser Glück versuchen. Dort fuhren keine „Sklaven“ mit und wir mussten alles selber machen – nur ein gutes Team fing! Leider kamen wir aber dabei auch einige Male den „ewigen Fischgründen“ verdammt nahe. Geschadet hat es letztendlich nicht. Noch heute, wenn Wind und Wellen es zulassen, chartern wir uns gerne kleine Boote und lassen die „alten Zeiten“ wieder auferstehen.

Mit kleinen Booten ist alles möglich; mein Angelfreund Ernst Hanisch fing vor einigen Jahren vor Mauritius einen Blue Marlin von 1100 lb. Der große Nachteil bei kleinen Booten ist allerdings die mangelnde Hochseetüchtigkeit. Ein schneller Wetterwechsel und schon sitzt man voll im Schlamassel. Also immer auf das Wetter achten, vor jeder Ausfahrt das Boot und die Rettungsmittel überprüfen, und vor allem die Einheimischen befragen. Raten die ab, relaxen und baden gehen. Eine Bemerkung am Rande, ein gutes Team, eine angenehme und gelöste Stimmung an Bord ist der halbe Weg zum Erfolg. Streit, Geiz, Gier, Missgunst und Neid verscheuchen die Fische!