Bolivien – Tsimane
September 2026
Mit dem Heli auf Golden Dorado
Zum dritten Mal führte mich mein Weg nach Bolivien – zurück nach Tsimane, in eine der wildesten und ursprünglichsten Regionen, die ich bisher bereisen durfte. Diesmal bestand unsere Gruppe aus zehn Fliegenfischern aus fünf verschiedenen Ländern. Unser gemeinsames Ziel: Golden Dorado mit der Fliegenrute. Doch wer einmal in Tsimane war, weiß, dass es bei diesem Trip um weit mehr geht als nur ums Fischen. Die Abgeschiedenheit, der Dschungel, die Tierwelt, die Flüsse und nicht zuletzt die Unberechenbarkeit der Natur machen jede Reise hierher zu einem echten Abenteuer. Und auch dieses Mal sollte uns Tsimane eindrucksvoll zeigen, wer hier die Regeln bestimmt.
Tief hinein in den bolivianischen Dschungel
Mit dem Flieger ging es von Frankfurt über Bogotá nach Santa Cruz in Bolivien. Nach einer Übernachtung starteten wir am nächsten Morgen zur nächsten Etappe unserer Reise: Knapp zwei Stunden dauerte der Flug mit einer kleinen Cessna hinein in den bolivianischen Dschungel nach Tsimane. Nach der Landung in einem abgelegenen Indianerdorf wurde unser gesamtes Gepäck direkt auf sogenannte Einbäume verladen. Von dort ging es noch einmal rund eine Stunde flussaufwärts – immer tiefer hinein in den Regenwald – bis zu unserer Lodge. Dort angekommen, hieß es zunächst auspacken und das Tackle für den nächsten Morgen vorbereiten. Unser Ziel waren die Golden Dorados – und dafür sollten uns in den kommenden Tagen zwei Helikopter zu einigen der abgelegensten Flussabschnitte der Region bringen.
Wetterumschwung
Bei unserer Ankunft zeigte das Thermometer noch 35 Grad. Doch bereits in der ersten Nacht bekamen wir einen Vorgeschmack darauf, wie schnell sich die Bedingungen im Dschungel verändern können. Ein heftiges Gewitter mit starken Regenfällen zog über die Region. Am nächsten Morgen waren es plötzlich nur noch 16 Grad. Auch der Fluss war über Nacht stark angestiegen und führte Hochwasser. Unser erster Angeltag fiel damit buchstäblich ins Wasser.
El Niño hatte in diesem Jahr großen Einfluss auf die Wetterbedingungen in vielen Regionen der Welt – und auch während unseres Aufenthalts in Bolivien bekamen wir die Wetterextreme deutlich zu spüren. Schnelle Temperaturwechsel, heftige Gewitter und enorme Regenmengen konnten die Bedingungen innerhalb weniger Stunden komplett verändern. Uns blieb zunächst nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Mit dem Helikopter in die Wildnis
Am darauffolgenden Morgen sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Der Fluss hatte wieder einen weitgehend normalen Wasserstand erreicht, die Temperaturen kletterten auf über 30 Grad – und endlich konnte unser eigentliches Abenteuer beginnen. Was Tsimane für mich so besonders macht, ist diese unglaubliche Abgeschiedenheit. Wir fischten in Gebieten weit entfernt von jeglicher Zivilisation, umgeben von nahezu unberührter Natur.
Uns standen zwei Helikopter zur Verfügung, die uns morgens über die dicht bewachsenen Gebirgsketten hinweg zu immer neuen Flüssen und abgelegenen Flussabschnitten brachten. Schon diese Flüge waren jedes Mal ein Erlebnis für sich. Unter uns nichts als endloser Regenwald, Berge und Flüsse – und irgendwo dazwischen eine Sandbank oder eine kleine freie Fläche, auf der der Pilot den Helikopter absetzen konnte. Gefischt wurde immer in kleinen Teams: zwei Fliegenfischer zusammen mit einem Guide.
Nach der Landung begann die eigentliche Arbeit. Von dort aus fischten wir uns über den Tag etwa drei bis fünf Kilometer stromaufwärts durch den jeweiligen Flussabschnitt. Am Nachmittag warteten wir an einem vorher vereinbarten Punkt auf unseren Helikopter. Mitten im Nirgendwo hörte man irgendwann das Geräusch der Rotoren über dem Dschungel. Der Heli setzte auf einer Sandbank oder einer geeigneten freien Fläche auf – und brachte uns zurück zur Lodge. Am nächsten Morgen begann das Ganze von vorne. Neuer Flug, neuer Fluss, neuer Abschnitt – und damit jeden Tag ein neues Abenteuer.
Golden Dorado – jeder Fluss war anders
Genau das machte die Fischerei so spannend. Die Bedingungen konnten sich von einem Flussabschnitt zum nächsten komplett verändern. Manche Strecken hielten richtig viel Fisch. An anderen Abschnitten sahen die Pools, Stromschnellen und tiefen Rinnen eigentlich perfekt aus – trotzdem war erstaunlich wenig Aktivität vorhanden.
Da jedes Team jeden Tag einen anderen Fluss oder zumindest einen anderen Abschnitt befischte, glichen sich diese Unterschiede über die Woche jedoch aus. Am Ende hatte jeder seine Fische gefangen. Und es waren einige richtig schöne Golden Dorados dabei. Mehrere Fische lagen zwischen 80 und 95 Zentimetern – starke und aggressive Dorados, die in der Strömung an der Fliegenrute für spektakuläre Drills sorgten. Dazu kamen einige Pacus, die für zusätzliche Abwechslung sorgten.
Genau diese Unberechenbarkeit gehört für mich zu Tsimane. Man weiß morgens beim Einsteigen in den Helikopter nicht, was einen erwartet. Ein Fluss kann auf den ersten Blick perfekt aussehen und trotzdem nur wenige Fische bringen. Ein anderer Abschnitt überrascht plötzlich mit richtig guter Fischerei. Garantien gibt es hier keine. Aber genau deshalb fühlt sich jeder gute Fisch auch verdient an.
Mitten im wilden Bolivien
So außergewöhnlich die Fischerei auf Golden Dorado ist – Tsimane ist viel mehr als nur Angeln. Für mich ist es vor allem diese unglaubliche Natur, die einen immer wieder sprachlos macht. Schon morgens beginnt das Erlebnis. Mit dem ersten Tageslicht erwacht der Dschungel und man wird im Camp von einer Geräuschkulisse geweckt, die sich kaum beschreiben lässt. Überall hört man Vögel, Papageien ziehen lautstark über die Baumwipfel und Affen machen sich in den Bäumen bemerkbar. Der Regenwald scheint innerhalb weniger Minuten zum Leben zu erwachen. Auch während der Fischerei ist die Tierwelt allgegenwärtig. Kaimane gehören fast zum täglichen Bild, ebenso wie frische Jaguarspuren an den Sandbänken. Wildkatzen lassen sich gelegentlich am Fluss beobachten, und einmal lief ein Mink, eine Marderart, direkt am Ufer entlang.
Einen der eindrucksvollsten Momente erlebte ich allerdings mitten im Fluss. Nur wenige Meter hinter mir tauchte plötzlich ein riesiger Tapir aus dem Wasser auf. Er zeigte erstaunlicherweise keinerlei Scheu. Für einen Moment standen wir praktisch gemeinsam im Fluss – ich mit der Fliegenrute und wenige Meter hinter mir dieses gewaltige Tier. Eine Begegnung, die man nicht so schnell vergisst.
Und dann sind da die Schmetterlinge. An manchen Stellen steht man buchstäblich inmitten von Hunderten von ihnen. Sie sitzen auf den Sandbänken, fliegen um einen herum und verwandeln einzelne Flussabschnitte in eine fast unwirkliche Szenerie. Natürlich zeigt der Dschungel auch seine weniger romantische Seite. Schlangen, Spinnen, Stachelrochen und unzählige Insekten gehören genauso dazu – einige davon durchaus giftig. Man sollte deshalb immer genau darauf achten, wo man hintritt, wohin man greift und wo man sich im Wasser bewegt. Genau diese Mischung macht Tsimane für mich so faszinierend. Du bist hier nicht einfach nur zum Fischen unterwegs. Du bist für einige Tage Teil einer wilden, ursprünglichen Welt, in der die Natur noch den Rhythmus vorgibt.
Und dann kam der Regen zurück
Vier Tage lang spielte das Wetter mit. Temperaturen von über 30 Grad und kein weiterer Regen ermöglichten uns, intensiv zu fischen und jeden Tag neue Bereiche zu erkunden. Doch der Regenwald wäre nicht der Regenwald, wenn sich die Bedingungen nicht innerhalb kürzester Zeit wieder komplett verändern könnten. In der Nacht vor unserem letzten Angeltag kam der nächste Wetterumschwung. Erneut zogen heftige Gewitter und starke Regenfälle durch die Region. Glücklicherweise konnten wir trotzdem noch einmal einen kompletten Tag fischen.
In der Nacht vor unserer geplanten Abreise öffnete der Himmel dann endgültig seine Schleusen. Es regnete heftig – und diesmal nicht nur für ein paar Stunden, sondern fast zwei Tage lang. Die Landebahn für unsere Cessna stand unter Wasser und war nicht mehr nutzbar. An einen Rückflug war nicht zu denken. Wir saßen mitten im bolivianischen Regenwald fest. Auch das gehört zu einem solchen Abenteuer. Hier draußen bestimmt nicht der Flugplan, wann man abreist.
Das entscheidet die Natur.
Am Ende dauerte es drei zusätzliche Tage, bis wir den Dschungel verlassen konnten. Mit entsprechender Verspätung, aber um einige Geschichten reicher, kamen schließlich alle wieder wohlbehalten zu Hause an.
Fazit
Das Wetter spielte bei diesem Trip einmal mehr eine der Hauptrollen. Der starke El Niño machte die ohnehin schwer vorhersehbaren Bedingungen in dieser Region noch unberechenbarer. Innerhalb weniger Stunden konnten sich Temperaturen und Wasserstände – und damit auch die Fischerei – komplett verändern. Trotz allem – oder vielleicht gerade deshalb – war es wieder eine wahnsinnig intensive Zeit. Die Golden Dorados sind natürlich der Grund, warum man mit der Fliegenrute nach Tsimane reist. Aber für mich ist es längst das Gesamtpaket, das diesen Ort so besonders macht.
Die Helikopterflüge über den endlosen Regenwald. Die wilden Flüsse. Die Sandbänke. Die Dorados. Kaimane und Jaguarspuren. Hunderte von Schmetterlingen. Affen in den Bäumen. Ein riesiger Tapir, der plötzlich wenige Meter hinter einem im Fluss auftaucht. Und morgens diese unglaubliche Geräuschkulisse, wenn der Dschungel erwacht. Das sind Bilder und Momente, die im Kopf bleiben. Man sollte allerdings auch erwähnen, dass ein solcher Trip nicht für jeden geeignet ist. Eine gute körperliche Verfassung und entsprechende Ausdauer sind Voraussetzung. Stundenlanges Laufen durch unwegsames Gelände und dichten Dschungel, mehrere hundert Meter Schwimmen im Fluss sowie das Überqueren von Stromschnellen auf glitschigen Steinen können durchaus anspruchsvoll werden.
Komfortzone sieht definitiv anders aus.
Aber genau das macht Tsimane für mich aus: Abenteuer, Wildnis, Unberechenbarkeit – und die Chance, in einer der spektakulärsten Landschaften Südamerikas mit der Fliegenrute auf Golden Dorado zu fischen. Und vielleicht sind es am Ende sogar die Momente abseits der Fischerei, die am längsten in Erinnerung bleiben.
Vielen Dank an Helmut Zaderer für die Organisation dieses außergewöhnlichen Trips.
Mein dritter Tsimane-Trip – und ganz sicher wieder ein Abenteuer, das ich nicht vergessen werde.
Tight Lines! 🎣
Stephan Kreupl
