Tonno Rosso

»Driftangeln in der Adria«

Als Mitte der 70iger ein befreundeter Italiener von großen Adria-Thunfischen erzählte, schmunzelte ich und führte seine Geschichte auf unseren erhöhten Rotweingenuss zurück. Einige Jahre später hakte ich einen großen Thunfisch und drei Stunden später war mir das Lachen vergangen. Seit damals fingen Freunde und ich fünf Thunfische zwischen 152 und 275 kg. Bis heute haben wir größten Respekt und Achtung vor diesen gigantischen Kämpfern.

In Italien heißt der Blauflossenthun seines roten Fleisches wegen „Tonno Rosso“. Wer seine psychische und physische Belastungsgrenze sucht und finden will, sollte sich mit einem großen Thunfisch anlegen. Ich kenne einige sehr gute Marlinangler, denen heute noch der Schreck in die Glieder fährt bzw. sich ungern an die körperliche Belastung erinnern. Die Chance in der Adria einen Thunfisch zwischen 150 und 350 kg zu haken ist nicht schlecht. An Bord bringen ist eine anderes Kapitel. Es gehört eine große Portion Glück und Erfahrung dazu. Aber allein der Kampf ist gigantisch und bleibt unvergessen! Heute geht es mir wie meinem italienischen Bekannten, die Leute schauen verwundert – Anglerlatein? Für die meisten ist die Adria ein algenbedecktes, verschmutztes Binnenmeer und niemand vermutet dort Großfische. Ich will nicht behaupten, dass die Adria sauber ist. Die Umweltprobleme, vor allem im nördlichen Bereich, sind enorm und steigen weiter. Trotzdem, die Chance ist da. Also, keine Scheu, rein ins Auto und übers verlängerte Wochenende auf Thun. Die Strecke München – Pesaro legt man mit etwas Glück in sieben Stunden zurück.

In der italienischen Adria driften die Boote. Gleichzeitig werden zwei Futterspuren gelegt – eine in der Tiefe, eine an der Oberfläche. Fischabfälle (frisch!) erhöhen die Chance auf Hai. Die Saison geht von Mai bis November. Die besten Aussichten hat man aber Mitte Juli bis Anfang September. Die Thunfische wandern jedes Jahr die Adriaküste entlang und hoffentlich ist man zur rechten Zeit am rechten Ort – der Haken an der Sache! Die Fanggründe liegen zwischen 20 und 30 Seemeilen in der Nähe der Bohrinseln. Die italienischen Thunboote sind zwar kleiner, aber dafür schneller und wendiger als klassische Big Game Boote. Meist wurden sie speziell für den Thunfang gebaut. Ist ein Thunfisch gehakt, fährt der Skipper dem Fisch nach, reagiert auf jede Flucht und hält das Boot im Abstand von 50 bis 200 m. Der Kampfstuhl befindet sich am Bug (vorderer Bootsteil). Der Skipper hat Angler und Fisch somit immer im Auge. Mich haben die italienischen Skipper von Ihrer Methode überzeugt. Der Angler muss versuchen, dem Thunfisch in der ersten halben Stunde den Schneid abzukaufen. Versäumt er es, oder will er mit dem Fisch spielen, wird er dies bitterlich bereuen, stundenlang drillen und mit großer Wahrscheinlichkeit den Fisch verlieren.

Tonno Rosso 236 kg, mit 80er in Pesaro, Italien, gefangen.

Unser Rat

Drillen Sie nach den ersten Fluchten, bis Ihnen schwarz vor Augen wird. Verleiten Sie den Fisch zu vielen langen Fluchten! Sitzt der Haken nicht in einem Kiefergelenk, wird es schwierig. Der Fisch hat keine großen Probleme seine normale Schwimmposition beizubehalten. Er wird in ca. 50 m Wassertiefe ruhig vor dem Boot herschwimmen und nur kleinere Exemplare werden Sie mit Pumpen an die Oberfläche bringen. Ab 150 kg wird es schwierig; nach meinem Dafürhalten ist es ab 200 kg unmöglich. Zuletzt ereilte mich dieses Schicksal während dem International Pesaro Tournament 1997. Einen 300 kg + verlor ich nach über sieben Stunden durch Schnurbruch – Big Game der Fisch gewann! Ich kann und will hier nicht als Profi-Thunangler auftreten. Die Skipper vor Ort sind die wahren Profis. Ich kenne Italiener, die sich im Lauf ihres Lebens mit mehr als 100 Thunfischen anlegten. Also, immer deren Anweisungen befolgen und nicht irgendwelche Haierfahrungen o.ä. einbringen. Beim Angeln auf Großthun fängt alles von vorne an! Besprechen Sie vor jeder Ausfahrt unbedingt alle Einzelheiten und die Aufgabenverteilung ausführlich mit der Crew. Legen Sie vorher fest, wer was tut – hier ist Teamwork gefragt!

Heimat vieler Futterfische.
300 kg + Blue Fin nach sieben Stunden härtestem Drill verloren – that’s fishing!

In Italien gilt

Skipper und Crew bringen die Angler zum Fisch und releasen oder gaffen die Fische. Für den Rest sind die Angler verantwortlich. Beim Driften kann, wenn Wind und Wellen es zulassen mit bis zu vier Ruten gefischt werden. Selbst Anfüttern ist Ehrensache. Alle Angler müssen ran, also nichts für „Edelangler“. Die Sardinen müssen im Abstand von 5 bis 10 m treiben und untergehen.

Als Faustregel gilt

Eine Kiste Sardine – eine Stunde anfüttern. Die Anködermethode ist sehr wichtig. In der Regel nimmt man größere Sardinen. Lassen Sie sich das Anködern genau zeigen. Das Ganze hat einen tieferen Sinn! Die Sardinen werden direkt oder mit Luftballon in 15 bis 40 m Wassertiefe angeboten, Abstand zum Boot 50 bis 100 m.

Der „tiefere Sinn“

Irgendwann fiel den Sardinenfischern auf, dass immer wieder Thunfische ihren Schleppnetzen folgten, sogar „magisch“ angezogen wurden. Scheinbar haben die Thunfische gelernt, dass Motorgeräusch plus Schleppnetz leichte Beute bedeuten. Die Erklärung scheint nahezu liegen: Aus dem Netz fallen dauernd bzw. rutschen tote Sardinen durch die Maschen und taumeln kopfüber, als weit sichtbare Futterspur durchs Wasser. Also nachgemacht, Motor zeitweise mit kleiner Drehzahl mitlaufen lassen plus Sardinenspur – eine neue Idee bzw. Methode war geboren. Meine Hochachtung gilt den ersten Anglern, die es herausfanden und mit Erfolg ausprobierten!

Ernst Hanisch mit 275 kg Tonno Rosso auf 80er in Pesaro gefangen.

Bauflossen-Thunfische im Mittelmeer

Seit der Antike sind Berichte über größere Fänge bekannt. In Süditalien und Sizilien hat der Thunfang mit Netzen/Fallen eine lange Tradition. Meeresangler aus Frankreich, Spanien, Italien und sogar aus unseren Breiten nutzen seit den 60er Jahren die Möglichkeit (vor der Haustür). Der größte, im Mittelmeer von Berufsfischern gefangene, wog 820 kg bei 4,50 m Länge. Berichte und Erzählungen über die letzten beiden Saisons – besonders Fänge (Catch + Release) kleiner Exemplare in der nördlichen Adria – machen Hoffnung. Die Situation ist zwar schwierig, aber nicht hoffnungslos; nutzen wir die Chance (so lange sie noch da ist). In den besten Wochen in der nördlichen Adria, sind um zwei Strikes pro Tag und Boot wahrscheinlich. Die Laichgründe liegen im Thyrrenischen, Ionischen Meer und der Ägäis.

Die Wanderwege

  • Südfrankreich und Italien/Golf v. Genua, Cote d`Azur bis Iles d’Hères: August bis Oktober, der Grund fällt schnell auf über 1000 m ab, Blauflossenthune bis 100 kg und weiße Thune um 10 kg sind möglich.
  • Rhonedelta/Golf v. Lion, La Grande-Motte und St. Marries-de-la Mer, Sète, Languedoc-Roussillon bis zur spanischen Grenze, Juli bis September, hier fällt der Grund allmählich auf 150 m ab, die Blauflossenthune wiegen um 100 kg, große Exemplare 300 kg + sind möglich.
  • Golf v. Lion, Costa Brava, Costa Dorada, Ebromündungsgebiet, Costa del Azahar, Kap Nao, Costa Blanca, Kap Palos, Costa del Sol, Straße v. Gibraltar... – wie so oft schweigen die Privatskipper. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man von guten Fängen. Charterboote und Crews sind leider wegen der relativ kurzen und oft „verschobenen“ Saison (+/– drei Wochen) unrentabel. Auf den Balearen sieht es ähnlich aus; viele deutsche Angler baden im Sommer an Stränden, ohne zu erahnen, dass keine zehn Meilen entfernt, sich große Blauflossenthune rumtreiben. Auch kommt man in Spanien problemlos an Sardinen oder andere Köderfische – das Ganze kostet halt entsprechend!
  • Sardinien/Korsika – Straße v. Bonifacio, ein klassisches Fanggebiet, meist Exemplare bis 150 kg und Einzelgänger bis 400 kg sind möglich.
  • Tunesien/Straße v. Sizilien, Straße v. Messina, Straße v. Bonifacio, das „Thundreieck“. Die großen Exemplare wandern im Juni/Juli in Richtung Thyrrenisches Meer, im August/September ins Ligurische Meer. Die Zentren – meist Privatskipper:
  • Marina di Cecina, Liparische Inseln und in den Häfen von Capri über Anzio bis Livorno. In der Adria passieren im späten Frühjahr die ersten größeren Exemplare die Halbinsel Gagano, um im Juli/August in der nördlichen Adria aufzutauchen. Im August bis Anfang September liegen die aussichtsreichsten Wochen. Die Zentren – meist Meeresanglerklubs bzw. Privatskipper: Chioggia, Albarella, Porto Garibaldi, Porto Barricata, Rimini, Pesaro, Fano, Senigallia, Ancona ... Von Kroatien laufen ebenfalls regelmäßig Boote aus.
  • In der Ägäis und an der südtürkischen Küste fangen Segler regelmäßig kleinere Thune. Sie erzählen auch von Fischen, die Ihre Rollen „abspulen“ oder die Haken aufbiegen.
  • Im Frühjahr bilden sich im südlichen und mittleren Mittelmeer große (wärmere) Isothermen aus, die langsam nach Norden driften; die großen Thunfische wandern mit. Dazu große Makrelen-, Sardinen- und/oder andere Köderfischschwärme und die Chancen sind gut!

Unsere Empfehlung für den ersten Versuch im Mittelmeer

  • Pesaro, den dortigen Meeresanglerklub oder Gerätehändler anschreiben.
  • Die richtigen Partner (mit der nötigen Erfahrung und Geduld suchen – Thunfischenangeln ist Teamwork.
  • Eigenes Gerät 80 lb (100 lb)-Leine muss jeder mitbringen. Alle Knoten und Montagen muss man selbst ausführen können.
  • Anfüttermaterial wie Sardinen, Makrelen ... und Chum/ Chunk – müssen in genügend großen Mengen und jederzeit eingekauft/geliefert werden können und auch noch bezahlbar sein. Aufpassen – oft steigt der Preis plötzlich; wenn möglich Einheimische einkaufen lassen.
  • Eine stabile Hochdruck-Wetterlage ist Grundvoraussetzung. Die Mittelmeer-Fallwinde (Bora, Mistral...) machen das Angeln tagelang unmöglich.
  • Das Wichtigste ist zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Dafür benötigt man Kontakte und einen guten Riecher!
200 kg + Blue Fin kurz vor der Landung.

Besonderheit beim Thunfischdrill

Die erste halbe Stunde ist entscheidend. Wer schläft, verliert. Kommt der Thunfisch hoch, alles geben, nur so wird man Erster. Beim Thunangeln ist Teamwork die Grundvoraussetzung für den Erfolg. Der Wireman (am Vorfach) muss dem Thun den Rest geben. Hat er die Hosen voll und lässt aus, geht das Ganze von vorne los!