Silver King

»Florida Keys« – Auf der Suche nach den Big Boys der Flats.

Mein Traum ist endlich Wirklichkeit geworden. Ich stehe in einem Flats-Skiff und Skipper Mike stakt mich durch die türkis-blau schillernden Untiefen der Florida Keys. Lange bereitete ich mich auf die Reise ins Mekka der Salzwasser-Fliegenfischer vor. Meinen Wurfstil musste ich total ändern. Stunden stand ich auf der Wiese, die Nachbarn erklärten mich für verrückt. Aber wie sonst lernt man bei uns das Werfen mit einer 10er oder 12er, 9´ Ausrüstung? Bücher, US-Magazine und Videos saugte ich auf wie ein Schwamm. Unmengen an Tarpon-,Bonefish- und Permitflies kaufte ich und baute noch mehr nach. Die gängigen Leader-Tippet Montagen beherrsche ich seit damals blind und zur Not bei Windstärke 10. Jetzt muss er mir nur noch vor die Rute kommen, der Giant Silver King. Gleich beim Rausfahren sichteten wir große Tarpone, kamen aber leider nicht nahe genug ran. Mike erklärt mir zum wiederholten Mal: „Our boat is a clock system, the stern is 6 o’clock...“. Er redet halt gern und scheinbar traut er uns „Krauts“ nicht viel zu – macht nichts, die Absicht zählt.

Jetzt wird es ernst „Three o’clock, sixty feet away...“. Kurzer schneller Backcast – normaler Vorcast – langer Backcast – Schuss. Die „Cockroach“ landet zwei Meter vor dem Fisch. Ich lasse sie sinken und ziehe mit der linken Hand ruckartig bei. Mike: „He will take...“. Ich sehe den Schwall, der Tarpon hat die „Cockroach“ aufgesaugt. Ich schlage mit der linken Hand an. Der Tarpon springt sofort mehrmals aus dem Wasser und reißt Leine von der Rolle. Was jetzt, er springt immer noch, aber die Rolle stoppt – sch... weg. Was habe ich falsch gemacht? Mike: „wait two or three seconds longer...“. Wenn ich... hätte ich... Schluss, auf ein Neues.

Eine Stunde später treffen wir auf mehrere Fische Der zweite Wurf, ein Tarpon wird neugierig, ändert seine Schwimmrichtung und nimmt. Diesmal zähle ich bis fünf. Derselbe Ablauf, diesmal hängt er!? Bei seiner ersten Flucht nimmt er ca. 150 m. Ein nicht alltägliches Gefühl, wenn beinahe das ganze Backing von der Rolle saust. Mike folgt mit seinem Elektromotor. Jetzt wird mir klar, warum es so viele „Flat-Junkies“ gibt. Mein Tarpon kämpft spektakulär und flößt mir Ehrfurcht ein. Er ist mehr in der Luft als im Wasser. Er schüttelt dabei immer wieder seinen Kopf, um den lästige Zug loszuwerden. Sicher stehen, Leine aufspulen, die Sprünge abfangen bzw. Spannung halten ist nicht einfach. Bei der zweiten Flucht schlafe ich, jetzt werden meine Fingerkuppen bestimmt blau. Nach einer halben Stunde bekomme ich den Tarpon unter Kontrolle und er kommt immer näher …

„Standard“ Salzwasser-Fliegenfischer-Ausrüstung.
Robert Rein mit Bonefish im Drill, Key West.
Tarpon der Florida-Keys in Aktion.

Das Tippet kommt aus dem Wasser. Mike packt zu, zieht den Tarpon mit dem Kopf aus dem Wasser, „Cockroach“ raus und lässt ihn mit den Worten ins Wasser zurückgleiten: „Babytarpon, we will catch a bigger one...“. Na ja, sein Wort in Poseidons Ohr. Er schätzt das „Baby“ zwischen 40 und 50lb – ich schweige. Am Nachmittag kommen plötzlich Permits in Bootsnähe. Genauso schnell sind sie auch wieder weg. Mike: „They don’t eat... maybe 10 to 30 lb...“. Das nutzt nichts, weg ist weg. Für heute genug, morgen wollen wir zu den Marquesas. Dort sollen sich Bonefish rumtreiben.

Neuer Tag, neues Glück Das Gerücht stimmt, wir fangen tatsächlich drei Fische mit ca. 4 bis 8 lb. Die „Flat-Runner“ sind eine echte Schau. Nach dem Abendessen ruft mich Mike an. Er will mit mir bei Sonnenaufgang auf Giants angeln. Er besorgt Köderfische und holt mich um zwei Uhr ab. Wir montieren zwei 30 lb Spinnruten und ankern vor einer Brücke zwischen den Keys. Hier gibt es zwischen der Atlantik- und Golf von Mexikoseite einen starken Gezeitenunterschied. Ich habe den Eindruck, in einem Fluss zu angeln. Die Köderfische treiben in der Strömung. Das erste Mal angele ich mit Circle Hooks. Mike erklärt mir, dass es sehr wichtig ist, keinen Anhieb im klassischen Sinn zu setzten. Ich soll den Fisch abziehen lassen, nach fünf Sekunden den Bügel umlegen und zart bzw. langsam Kontakt aufnehmen. Mike: „Slow and steady are the guide for getting circle hook to find home in tarpons mouths...“

Langsam weicht die Dunkelheit. Plötzlich, mehrere Fische kommen gleichzeitig an die Oberfläche und rauben. Unmittelbar an meiner Pose ein Schwall, Sie taucht ab, ich halte mich an Mikes Anweisungen und tatsächlich, ich spüre wie der Fisch hängt und abgeht. Der Tarpon kommt sofort raus und wie er springt – gigantisch. Mein Pulsschlag steigt und die Knie zittern. Mike: „Good Fish... 100 lb“. Nach einer Stunde und viel Dusel kommt der Tarpon und/oder wir langsam näher. Mehrmals kam er einem Hindernis bedrohlich nahe, zweimal wechselte er plötzlich die Richtung und ich musste mit der Rutenspitze unter das Boot, um nicht in den Propeller zu geraten. Aber Glück gehört halt dazu. Jetzt ist „mein Giant“ keine fünf Meter entfernt.

Übung macht den Meister …

Endlich, Mike greift ins Vorfach, das Gaff sitzt im Kiefer. Er zieht ihn hoch, zieht den Haken raus, ich „streichele“ ihn zum Abschied und Mike lässt ihn mit den Worten frei:

„Release the fish, catch the memory...“ Er hat recht behalten. An den folgenden beiden Tagen fing ich noch zwei „Babys“. Giants wie am ersten Tag kamen mir leider nicht mehr vor die Fliegenrute. Resümee: Ich kam auf meine Kosten, es wurde nie langweilig. Eins ist mir trotzdem endgültig klar geworden. Niemals mehr werde ich auf Videos, Magazine o.ä. reinfallen. Auch im Mekka der Fliegenfischer ist Mühe, Können, Geduld und die nötige Portion Glück notwendig.

Unser Ratschlag

Versteifen Sie sich nicht ausschließlich auf das Fliegenfischen. Die meisten Fische werden auch dort mit Krabben und Köderfischen gefangen! Hinter vorgehaltener Hand hört man 1:10. Die Skipper haben immer Spinn- und Fliegenruten dabei. Nehmen Sie einen Partner mit. Acht Stunden stehend in einem Skiff ist „die Hölle“. Achten Sie deshalb auch auf beste Schuhe! Fleißig zu Hause üben ist angesagt. Vor Ort ist es zu spät. Sie müssen ohne große Mühe mindestens 20 m (60´) zielsicher werfen können, dies ggf. über Stunden! Vermeiden Sie unnötige Leerwürfe. Nach dem zweiten, maximal dritten Backcast muss der Schuss kommen. Spulen Sie Ihr Backing knochenhart auf. Auch wenn Sie der „King of Trout“ sind, beim „King of Flats“ sollten Sie unbedingt immer die Anweisungen und Kommandos Ihres Skippers befolgen. Nur so haben Sie eine reale Chance.

 

Kaum zu glauben, auch Haie lassen sich mit einem Streamer überlisten.